Gottfried Benn: Morgue und andere Gedichte :
Für den Berliner Nahverkehr zu skandalös

Von
Friederike Reents
Lesezeit:
Klett-Cotta

Lyrik im Leichenschauhaus: Vor hundert Jahren lösten Gottfried Benns „Morgue“-Gedichte einen Skandal aus. Und die Zeilen des damals fünfundzwanzig Jahre alten Dichters irritieren bis heute.

Um ein Haar wäre eine der schockierendsten Gedichtsammlungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht veröffentlicht worden. Der Wilmersdorfer Ein-Mann-Verleger Alfred Richard Meyer wollte das „wirre Manuskript“ schon wegwerfen, als ihm der angehängte Zyklus derart ins Auge stach, dass er „aufschrie“, wie es in seinen Erinnerungen heißt. Auf den paar Seiten, die dem Konvolut beigegeben waren, hatte der damals noch gänzlich unbekannte, knapp sechsundzwanzig Jahre alte Gottfried Benn die berüchtigten „Morgue“-Gedichte niedergeschrieben. Im März 1912 - das genaue Datum ist nicht mehr ermittelbar - erschienen die neun Gedichte in Meyers „Lyrischen Flugblättern“ mit einer Auflage von fünfhundert Stück zu je fünfzig Pfennig unter dem Titel „Morgue und andere Gedichte“. Hier kam einer, so der Verleger begeistert, nicht aus der Theorie, sondern aus den „Erlebnissen des ärztlichen Berufs“.

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